Kurz vor sechs gab Maria Gas

Sängerbarde Udo Jürgens hat schon vor Jahren die Erfahrung gemacht: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an! Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran.“ Noch fehlen Hp. zwar ein paar Monate. Aber man muss sich ja vorbereiten auf den doppelten Sechser. Und so ließ er sich von der 40 Jahre jüngeren Maria animieren: „Komm, wir joggen zum Saisonabschluss den Halbmarathon beim Röntgen-Lauf in Remscheid.“ Warum auch nicht…?

Auch wenn bei der Anfahrt reichlich Nebel die bergischen Höhen und Tiefen nivellierte, so konnte man dennoch ahnen: Da geht es nachher rauf und runter. Start um 8.30 Uhr – glücklicherweise war die Uhr in der Nacht umgestellt worden. Für Marias Freund Martin war es dennoch zu früh. Oder lag es an unserem Frühstart, dass er mit dem Kameraobjektiv vergebens versucht hat uns abzulichten, als wir noch frisch waren?
Wenig später lohnte es nicht mehr. Denn so ein Streckenprofil wie beim Röntgenlauf hinterlässt Spuren in jedem Gesicht und auf jeder digitalen Fotospeicherplatte. Schon wenige Meter hinter der Startlinie begann das Bergische Land; soll heißen: es ging zum ersten, und definitiv nicht zum letzten Mal bergauf.
Lennep, wunderschön die Häuser mit den Fassaden aus bergischem Schiefer. Eigentlich wäre der Geburtsort von Wilhelm Conrad Röntgen einen Sonntagsspaziergang mit anschließendem Schlemmen Bergischer Waffeln wert. Stattdessen hetzten wir über das nasse Kopfsteinpflaster, immer darauf bedacht, nicht zu stürzen. Röntgens Erfindung, die Strahlen, müssen ja nicht an uns ausprobiert werden.
Dann wieder ein langer Anstieg. Maria, ansonsten ja durchaus kommunikativ, war rücksichtsvoll und fragte nicht nach dem Wohlbefinden. Einem alten Dampfross muss man keine Frage stellen; man muss nur beim Schnauben richtig hinhören.
Bei km 4 ging es ab in den Wald. Wunderbar die Herbstnatur und Waldesruh mit den trampelnden Vor- und Nachläufern. Maria immer vorne weg. Mitleidsvoll sah sie sich alle paar Meter immer wieder nach dem Alten um. Hatte sie Schuldgefühle? „Mädchen, hau ab! Lass dich in deinem Tatendrang nicht von alten Männern ausbremsen.“ Kurz vor sechs (km) gab Maria Gas.
Die Gefahr, sich in den bergischen Wäldern zu verlaufen, war ausgeschlossen. Auch ohne Maria wurde es nicht einsam. Peter, Leiter der Lokalredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers, leistete fünf Kilometer lang kollegiale Gesellschaft. Der eingefleischte Marathonläufer ließ es gemächlich angehen, weil er sich nicht mit halbem Kram zufrieden geben, sondern mehr als fünf Stunden über die kompletten 42,195 rauf-und-runter-Kilometer quälen wollte.
„72 Minuten, 15 Sekunden“ - auf der Brücke über der A1 stand bei exakt km 10 ein einsamer Waldmensch, der jedem Vorbeilaufenden seine Brutto-Zwischenzeit ansagte. Insgesamt brachte er es auf 1106 Halbmarathon-, 224 Marathon- und 383 UltraMarathon-Zwischenzeiten. Seine Stimmbänder müssen am Ende ebenso strapaziert gewesen sein wie die Bänder, Muskeln und Sehnen der Läufer.
Herrlich der Bergablauf. Wobei Bremsen oft schmerzhafter ist als Bergaufstampfen. Doch Achtung: Wieso laufen da oben auf dem Berg auch noch welche? Welch böse Falle – zuerst runter, und dann das ganz wieder rauf auf den nächsten Berg. Da hilft nur noch Humor. Auf dem Rücken des grünen Lauftrikot steht: „Altstädter Köln – mr laufe, danze, bütze un rigge.“ „Entschuldigung, ich komme nicht aus dem Rheinland: Was heißt dann ‚rigge‘?“ Der Schimmel links auf der Weide hätte es gewusst. „Willst du den denn nicht mitnehmen?“ „Nee, geht nicht; habe dummerweise die Trense vergessen.“ Angesichts der Tatsache, dass noch acht Rauf-und-Runter-Kilometer zu bewältigen waren, war die Vergesslichkeit eigentlich strafwürdig.
Noch fünf km – welch eine Verheißung: 300 Meter bis zum Prosecco! Wie bitte? Sollen wir diese 300 Meter etwa laufen? Da stand doch eine Steilwand vor uns; ein Trampelpfad Richtung Himmel! Breite 40 Zentimeter. Ans Überholen dachte eh keiner mehr. Falls überhaupt noch jemand dachte. Schon gar nicht dachte noch jemand an Bestzeiten. Aber das Prosecco-Versprechen nach dem Gipfelsturm wurde eingehalten. Wer wollte, durfte sich einen Schluck abholen aus Plastik-Behältern, in denen in Krankenhäusern Tabletten gereicht werden.
Danach ging es über nassen Waldboden und Geröll nur noch abwärts. Schon mal was gehört von heiß gelaufenen Bremsen? Auch wenn das Ziel nach 21,0975 Metern lockt – gerast ist keiner mehr.
Die Zieluhr blieb bei 2 Stunden, 24 Minuten, 19 Sekunden stehen. Das war gut so, denn Martin, der Fotograf, hatte nicht früher mit uns gerechnet. Deshalb wurde, der spät kam, nicht gestraft, sondern mit einem Zieleinlauf-Foto belohnt. Und im Ziel wartete Maria schon seit 23 Minuten mit einem inzwischen magenfreundlich angewärmten Erdinger, natürlich alkoholfrei.
Nachdem Maria bei km 6 ihren allseits bekannten Turbo eingeschaltet hatte, hüpfte war sie wie ein Reh durch die Wälder ihrer bergischen Heimat gesprungen: „Zeitweise mit 14kmh“. GPS liefert den Beweis. Nur an der Steilwand aber musste auch sie klettern. Zwei Stunden und eine Minute – ohne die Mitleidstour auf den ersten Kilometern wäre die Speedskaterin bei ihrem ersten Halbmarathon als Läuferin locker unter die besten 40 Lauf-Spezialistinnen gekommen. Auf jeden Fall war sie für Martin, ihren Freund, und auch für ihre Eltern viel zu schnell. Denen muss sie für ihre nächste Zielankunft noch Beine machen. Denn animieren kann sie. Sonst wäre der alte Mann nie durch das Bergische Land gelaufen. Es war wunderbar. Danke.

Insgesamt gingen drei Mitglieder des SSC Kölner Roll-Möpse beim 11. Röntgen-Lauf in Remscheid an den Start. Nach den Halb-Marathonis Claudia Maria Henneken und Hanspeter Detmer startete über eine ebenfalls strapaziösen 5000-Meter-Strecke auch noch Oliver Haucke und belegte unter 77 Finishern in guten 21:21 Minuten den 13. Rang.